St. Vincentius Till

tillDie erste Kirche, die hier oder in der Nähe der heutigen Kirche gestanden hat, muss wohl eine sehr alte Kirche gewesen sein. Zumindest weisen die Patrozinien der Frankenheiligen Vincentius und Genoveva darauf hin.

Die gemeinsame Kultstätte dieser beiden befand sich in Paris. Denn hierhin wurden 542 der rechte Arm und die Stola des gemarterten Diakons Vincentius gebracht. Er war 304 in Valencia auf bestialische Weise ermordet worden. Genoveva wurde nach ihrem Tod 512 in Paris als Schutzpatronin verehrt. Da Vincentius und Genoveva die Patrone der Kirche von Till waren, kann angenommen werden, dass dieser Ort von einem König des damals noch ungeteilten Frankreich dem Kloster von St. Germain-des-Prés zu Paris geschenkt worden ist. Auch in Huisberden (Gemeinde Bedburg-Hau) war 662 eine Niederlassung der Abtei Corbie gegründet worden.

Dieser Ort Till und seine Kirche waren danach einer der zahlreichen Stützpunkte für die über den Rhein nach Norden unternommene Mission des katholischen Glaubens. Nach Norden hin wollte man die Friesen und nach Osten hin die Sachsen missionieren.
Zwei Memoriensteine aus dem 10. und 11. Jahrhundert weisen auf das hohe Alter einer Kirche hin, die hier oder in der Nähe einmal gestanden haben muss. Ein Memorienstein ist ein Gedenkstein zur Erinnerung an den Todestag des Stifters, an dem in einer hl. Messe ihm gedacht werden musste.

Erstmals wird diese alte Kirche erwähnt zwischen 1258 und 1291 in einer Liste des Archidiakonats in Xanten. Wo immer diese Kirche auch gestanden haben mag, sie wird mit größter Wahrscheinlichkeit ein Opfer der Fluten des Rheinstromes geworden sein. Dem willkürlich pendelnden Rhein konnte man sich nicht in den Weg stellen. Und so war eine Verlegung der Kirche nichts Ungewöhnliches.

Der heutige Kirchbau stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Kirche ist auf einer Warft oder, wie man auch sagt, auf einer Wurte errichtet. Damit war die Kirche einmal geschützt gegen das ständige Überfluten durch den Rhein und zum anderen war sie geschützt gegen das steigende Grundwasser. Der obere Teil dieser Warft besteht aus Bauschutt und Schieferplatten. Man vermutet, dass dieser Bauschutt von der alten Kirche stammt, die hier in der Nähe mal gestanden haben muss.

Die neue Kirche bestand zunächst aus dem breiten Hauptschiff und einem Westturm. Erst später, als die Kirche nicht mehr alle Gläubigen fassen konnte, wurde das linke Seitenschiff angefügt.

Ab jetzt kann man von einem zweischiffigen, kreuzrippengewölbten Tuffsteinbau sprechen.
Die ersten Kreuzrippengewölbe entstanden zum Ende der Romanik, so um 1200. Im Kreuzungspunkt der Rippen befindet sich der sogenannte Schlussstein. Ohne diesen Schlussstein würde die Konstruktion zusammenbrechen. Diese Abschlusssteine wurden immer reich dekoriert und mit Wappen, Blättern und Ähnlichem verziert.
Die Konsolen und Kapitelle zeigen außer Rankenschmuck noch verschiedenartige Köpfe, Fratzen oder auch Fabeltiere. Diese Darstellungen sollten, so glaubt man, gegen alles Böse schützen, das von außen kommt.

Mit dieser Technik des Kreuzrippengewölbes konnten die Räume und Mauerwände endlich erheblich heller und luftiger gestaltet werden. Und es waren nun auch mehr Fensteröffnungen möglich. Man kam dem Streben nach oben, zu himmlischen Höhen, mit dieser Bauart besonders nahe.

Um 1697 wurde die Kirche innen renoviert. Aufzeichnungen belegen, dass eine barocke Ausstattung angeschafft wurde. 1850 ist die heutige Kirche erneut renoviert worden und bekam eine neugotische Ausstattung. Gleichzeitig wurde am linken Seitenschiff eine Taufkapelle angebaut und die Sakristei nach Osten hin erweitert.

till2Neugotik, auch Neogotik genannt, ist ein Kunst- und Architekturstil des 19. Jahrhunderts. Sie ist eine der frühesten Stilarten, die auf verschiedene Stile der vergangenen zwei Jahrtausende zurückgriff, also die Rückbesinnung auf alte Formensprache. Friedrich von Schmidt hat die Kirche umgestaltet und diesen bemerkenswerten neugotischen Stil nach seinen eigenen Vorstellungen geschaffen. Von Schmidt war Steinmetzmeister an der Dombauhütte in Köln. Es wird vermutet, dass die Umgestaltung dieser Kirche seine erste selbstständige Arbeit war.

Von Schmidt wurde 1825 in Frickenhofen in Baden-Württemberg geboren. Seinen späteren größeren Wirkungskreis fand er aber in Wien. Er war Professor für Baukunst an der Akademie in Mailand, Professor für bildende Künste an der Akademie in Wien und Dombaumeister von St. Stephan in Wien.

Seine wohl hervorragendste Arbeit war die Erbauung des Wiener Rathauses. Hierfür hat er den ersten Preis bekommen. Er wurde Ehrenbürger von Wien und vom österreichischen Kaiser Franz II./I. als Freiherr in den Adelsstand erhoben. (Franz der II. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und gleichzeitig als Franz I. Kaiser von Österreich.)
1907 hat man ihm hinter dem Rathaus in Wien ein Denkmal errichtet.

Vielleicht hat von Schmidt bei den Umbauarbeiten an der Tiller Kirche aber auch Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner zur Seite gestanden, der zurzeit Leiter der Dombauhütte in Köln war. Zwirner hat kurze Zeit später nämlich das Schloss Moyland im Stile der Tudorzeit umgebaut und sämtliche barocken Merkmale beseitigt.

Bemerkenswert ist, dass sich der Meister mit einem Selbstbildnis nach mittelalterlicher Tradition unter einer Konsole in der Kirche verewigt hat.

Im Zweiten Weltkrieg sind an der Kirche erhebliche Schäden entstanden. Pfarrer Bernhard Versteege berichtet, dass mit Hilfe des „Milchpfennigs“ der Bauern die Schäden notdürftig beseitigt werden konnten.

Auf einem Stich von Jan de Beyer aus dem Jahre 1746 hat gegenüber der Kirche noch eine Kapelle gestanden. Die Kapelle ist vermutlich zu Ehren des Heiligen Antonius erbaut worden. Ein Hinweis hierauf ist die alte Antonius Figur, die heute im Eingangsbereich der Kirche steht. In den Spitzbögen der Kirche sieht man Akanthusrankenwerk.
Die Ausmalung dieser Kirche hat 1903 der Dekorationsmaler Hark aus Xanten gemacht.

Die Kirche ist dem Hl. Vincentius geweiht und ist heute Filialkirche der neuen Pfarrgemeinde Heiliger Johannes der Täufer.


Zusammenstellung, Text und Bilder: Norbert Pies

Quellen: Literaturhinweise